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Schicksale
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Jenny Bär geb.Bloch (26.08.1891-26.08.1942)

Jenny Bloch wird am 26. August 1891 als älteste Tochter von insgesamt sechs Kindern des Salomon Bloch hier in Villingen geboren. Jenny wächst hier auf und heiratet im Februar 1923 Albert Bär aus Karlsruhe. Sie bekommt eine ansehnliche Mitgift, die es dem Paar erlaubt, in Karlsruhe ein großzügiges Haus zu erwerben.
Jenny Bär bringt zwei Kinder zur Welt: Johanna (1924) und Leon Albert (1925).

1933 bedeutet für Juden im Land Auftakt zu Ausgrenzung, Verlust der bürgerlichen Existenz, Vertreibung, Verfolgung, Ausplünderung und schließlich massenhafter Mord. Dieser Prozess geht rapide schnell vor sich, so auch bei Salomon Bloch hier und seinem Schwiegersohn Albert Bär, doch mit gänzlich verschiedenem Ausgang.
Sohn Leon Albert besucht 1936 bis Dezember 1937 noch die Realschule, dann muss er sie verlassen. Neben seinen Fächernoten, alle 3, finden wir auch den Eintrag "zerfahren, unordentlich" - die Folge seiner Ausgrenzung durch Mitschüler und Lehrer.
Tochter Johanna geht seit Ende 1937 in Nancy zur Schule, vor Ausbruch des Krieges kommt sie zurück.
Am 9. und 10. November 1938 brennen die Synagogen im Lande; zahllose jüdische Geschäfte, Kanzleien und Praxen werden verwüstet und geplündert. Albert wird in das KZ Dachau deportiert, gequält, gefoltert und Ende 1938 entlassen (Häftlings-Nr. 21915) mit der Auflage, schnellstmöglich das Land zu verlassen. Sein Schwiegervater Salomon Bloch, dem noch rechtzeitig nach der "Arisierung" seiner Firma hier in Villingen 1938 die Auswanderung in die Schweiz nach Basel gelingt, versucht für die Familie seiner Tochter eine Auswanderung in die Schweiz zu realisieren. Diese Bemühungen bleiben jedoch erfolglos. Sodann versucht er beim Konsulat von Paraguay in Bern Visa für die Familie seiner Tochter zu bekommen und hat dafür auch schon bezahlt. Aber vergeblich. Albert und Jenny stellen im März 1939 Passanträge für eine Auswanderung nach Kolumbien. Auch der von hier nach Argentinien ausgewanderte Bruder von Jenny, Louis Bloch, bemühte sich im Frühjahr 1939 für Jenny und Familie beim chilenischen Konsulat in Buenos Aires Visa zu beantragen und bezahlt dafür. Das Konsulat reichte den Antrag weiter an die chilenische Botschaft in Berlin. Die Familie wird von Karlsruhe dorthin zitiert. Es muß der Nachweis der bezahlten Schiffspassage erbracht werden. Inzwischen ist der Krieg ausgebrochen, deutsche Schiffe laufen nicht mehr aus, es muss also ein anderes - spanisches oder portugiesisches - Schiff gefunden werden, das nach Chile fährt. Das gelingt jedoch augenscheinlich nicht schnell genug. Noch im März 1940, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Antrag auf Ausstellung eines Passes, beantragen sie Verlängerung der Pässe, noch immer hoffend, dass die Auswanderung nach Chile gelingen möge. Doch die chilenische Regierung annulliert schließlich die erteilten Visa.

Jenny Blochs Bruder John, von hier über Kuba (mit zweijähriger Wartezeit in Kuba) in die USA ausgewandert, versucht zunächst ein Visum für die USA für Jenny und Familie zu bekommen, jedoch ohne Erfolg. Für ein Durchgangsvisum für Kuba verlangt die Kubanische Regierung ein Einreisvisum für ein anderes Land. Also bemüht er sich - mit Erfolg - für ein Visum für Mexiko. Alle erforderlichen Gebühren hat er bereits bezahlt. Aber auch von dieser - letzten - Auswanderungsmöglichkeit kann wiederum kein Gebrauch gemacht werden, weil es an einer Schiffspassage fehlte.
Jenny fährt mit den Kindern im Herbst 1939 hierher nach Villingen; ihre Eltern sind bereits in der Schweiz, aber Verwandte sind zu dieser Zeit noch da. Jenny bleibt mit ihren Kindern hier bis zum Ende des Jahres .

Dann das einschneidende Ereignis: Am 22. Oktober 1940 werden die badischen und saarpfälzischen Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert, darunter die gesamte Familie Bär.
Über das Leben in diesem Lager, über die miserablen Lebensbedingungen, über die unsäglichen hygienischen Verhältnisse, über den Hunger und Tod ist oft und ausführlich berichtet; hier soll es nicht wiederholt werden.
Im März 1941 kommt die Familie in ein Lager bei Perpignan. Abgesehen davon, dass die Baracken, in denen sie nun leben müssen, aus Stein und nicht mehr aus Brettern wie in Gurs sind, trügt die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen: Insbesondere die Verpflegung ist weiter schlecht.
Jenny verbringt gut zwei Monate in einer Klinik; die Sorge um ihre Kinder hat sie in eine psychisch besonders schwere Lage gebracht. Doch will sie wieder in das Lager zurück.

Im Frühjahr 1942 wird ihr Sohn Leon Albert durch eine Hilfsorganisation aus dem Lager befreit und überlebt versteckt die Massenverhaftungen, die im August 1942 einsetzen. Er beschliesst, in die Schweiz zu fliehen. Es ist anzunehmen, dass er - wie auch seine Schwester - in irgendeiner Weise mit dem Großvater in Basel Kontakt hat. Dieser besorgt die Einreiseerlaubnis für die Schweiz, Leon Albert reist durch Frankreich mit falschen Papieren auf den Namen Leon Bertin zur Schweizer Grenze. In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1942 überschreitet er - sicherlich mit Hilfe eines Fluchthelfers - die Grenze bei Genf. Er muss sie illegal überschreiten, weil die Franzosen trotz Einreisevisums für die Schweiz ihn nicht hätten passieren lassen. Er kommt bis zum Bahnhof in Genf und will sofort nach Basel zum Großvater, wird jedoch von der Polizei am Bahnhof aufgegriffen und in ein Auffanglager gebracht. Von dort kommt er erst sieben Wochen später nach Basel, nachdem der Großvater für ihn eine Bürgschaft zahlt.
Tochter Johanna kommt vermutlich zur gleichen Zeit wie der Bruder aus dem Lager Rivesaltes heraus in ein Kinderheim. Von hier aus flieht sie schon einen Monat vor ihrem Bruder in die Schweiz; ob für die Reise zur Schweizer Grenze mit falscher Identität, ist nicht überliefert. Aber sie hat gleichfalls eine Einreiseerlaubnis für die Schweiz. Am 5. November 1942 gegen 21.00 Uhr passiert sie die Grenze bei Genf, vermutlich ebenfalls mit Hilfe eines Fluchthelfers. Sie begibt sich schnurstracks in Genf zu Bekannten und fährt mit diesen noch in der Nacht nach Olten, übernachtete dort bei ihrem Onkel Michael Bloch, der ebenfalls aus Villingen bereits 1938 in die Schweiz emigriert ist. Am nächsten Morgen fährt sie dann zu ihrem Großvater nach Basel, der für sie natürlich auch eine Bürgschaft zahlt. Ein Lageraufenthalt bleibt ihr erspart.

Jenny und Albert kommen am 23. August 1942 von Rivesaltes nach Drancy, dem Sammellager für die Transporte nach Auschwitz. Am 26. August 1942 (Jenny's 51. Geburtstag) erreichen sie mit Transport Nr. 24 Auschwitz. Der Transport umfasste 1.002 Personen, von denen bei der Ankunft nur wenige zur Arbeit selektiert werden; Albert und Jenny sind nicht darunter. Sie erfahren nicht mehr , dass ihre Kinder gerettet sind. Und die Kinder wissen zum Zeitpunkt ihrer Rettung nichts vom Schicksal ihrer Eltern.
Friedrich Engelke, im Januar 2014 1.12.2013

Quellen: Archiv der Stadt Villingen-Schwenningen; Heinz Lörcher; Wolfgang Strauß(Karlsruhe)


 
 

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