Startseite  - Kontakt  - Impressum
 
 
 
 
 
 
Schicksale
Schicksale
 

Alphabetisch geordnet






Felix (Familie) Zaitschek (?-?)

In der heutigen Mahnwache möchte ich an das Schicksal der jüdischen Familie Zaitschek erinnern, die hier zuletzt in der Sebastian-Kneipp-Straße 36 gewohnt hat.

  • Wir kennen zwei verschiedene Gründe und Erlebensformen von Auswanderung: Zum einen ist es der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen für sich und seine Familie
  • Zum anderen ist es der Wunsch zu überleben und die Flucht vor Lebensbedrohungen. Gerade mit diesem Auswanderungsmotiv werden wir seit einiger Zeit dauernd konfrontiert, wenn Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan zu uns kommen. Hier sind wir besonders gefordert, aus unserer deutschen Erfahrung Folgerungen zu ziehen
Die Familie Zaitschek hat beide Auswanderungsschicksale erlebt.

Zuerst war es der Wunsch nach besseren Lebensperspektiven, als die Familie zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert aus Böhmen nach Deutschland auswanderte.

Die ältesten Kinder der Familie sind Ende des 19. Jahrhunderts in Böhmen in der Habsburger Monarchie geboren, die jüngeren Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland, in Hagen/Westfalen.

8 Mitglieder der Familie Zaitschek wohnten zeitweise in Villingen: Berthold und seine Ehefrau Lina und sechs der neun Kinder; Zaitscheks waren jüdisch, deutschstämmig mit tschechischer Staatsangehörigkeit.

Die Familie Zaitschek lebte elf Jahre in Villingen, von 1927–1938.

Als erster der Familie Zaitschek ist am 30.9.1927 Felix nach Villingen gezogen als Reisender für Firma Atlantes-Schuh GmbH Hagen.

Zaitschek, Felix
geb. am 25.2.1901
in Hagen/Westf.
8 Jahre Volksschule, dann kaufmännische Lehre

schon 1921/22 Tuberkulose, vermutlich durch Mangelernährung im 1. Weltkrieg

1921 – 1930 mit Unterbrechungen in Todtmoos wegen Lungentuberkulose

Erwerbstätigkeit in Villingen zuerst als Reisegeschäft, später daneben offenes Ladengeschäft, d.h. zum Zeitpunkt der Machtergreifung der NS war das Geschäft noch im Anfangsstadium und Aufstieg.

1.3.1929 Gewerbebetrieb angemeldet als Manufaktur-, Aussteuerartikel-, Konfektions- und Schuhwarengeschäft: Bickenstr. 11; Untermieter bei Kaufmann Heinrich Zimmermann. Er wohnte dort und hatte noch einen kleinen Raum zur Aufnahme seiner Waren. Die Waren wurden von Zaitschek zum Teil im Hausierhandel, zum Teil auf Bestellung vertrieben.

In Villingen ist er mehrfach umgezogen, 1930 wohnte er in der Friedrichstr. 7, ab 1934 in der Sebastian-Kneipp-Str. 36.

Er hatte einen größeren Kundenkreis in der Umgebung von Villingen (Kunden in St. Georgen, Donaueschingen, Neustadt; Reisetätigkeit 3 – 4 Tage/Woche) Familie Zaitschek 35 Zaitschek war in den ersten Jahren Kunde der Engros-Abteilung von Salomon Bloch, mit "namhaften Umsätzen".

NS-Zeit
Auf Anforderung der Sicherheitspolizei stellte das Einwohnermeldeamt im Juli 1935 eine Liste der jüdischen BewohnerInnen der Stadt zusammen – diese Liste wurde dann fortgeschrieben und vielfach verwendet: um die "Bewegungen" der jüdischen BewohnerInnen verfolgen zu können, um ihnen Einkaufsgeschäfte zuzuweisen, für Boykottmaßnahmen, Enteignungen usw. In der Liste vom Juli 1935 sind sechs Mitglieder der Familie Zaitschek erfasst: Berthold, Lina, Elsa, David, Emmy und Felix; sie sind als Ausländer, tschechischer Nation, verzeichnet.

Boykott und Verfolgungsmaßnahmen ab 1936
  • ab 1937 ständige Angriffe durch DAF (Deutsche Arbeitsfront) und Einzelhandel
  • Boykottmaßnahmen: "wiederholt (waren) vor seinem Geschäft Nationalsozialisten sowohl in Privatkleidung als auch in Uniform postiert, die die Kunden vom Eintritt in seinen Laden abhielten. Anfang 1938 drangen etwa 5 Nationalsozialisten in seinen Laden ein und griffen unter Beschimpfungen ihn und die anwesenden Kunden an. Als er hierüber bei dem Polizeiamt in Villingen Beschwerde führte, wurde ihm angedeutet, daß er wahrscheinlich, falls er sich bedroht fühle, in Schutzhaft genommen würde. Um dies zu vermeiden, schloß er seinen Laden und fuhr am folgenden Tage in die Schweiz. Nach etwa 8 bis 14 Tagen kam er nach Villingen zurück … bei einer weiteren Aktion seine Schaufenster zertrümmert … In St. Georgen, wo er einen ausgedehnten Kundenkreis hatte .. wurden ihm im Jahre 1935 seine Kundenkarten zwangsweise von einem Polizeibeamten abgenommen. Seine Kunden erzählten ihm später, daß ihre Namen verlesen und sie selber verwarnt worden seien. … sein Name zusammen mit allen den übrigen jüdischen Geschäftsinhabern in verleumderischer Weise in der Lokalzeitung erwähnt" (eidesstattliche Versicherung Zaitschek 20.2.1959)
  • Bei der Haushaltsplanberatung 16.9.1937 steht im Protokoll (S. 200): Ratsherr Hildebrand berichtet, dass der Kaufmann Theodor Kammerer in der Bickenstrasse Nr. 8 beabsichtige, an den Juden Zaitschek sein Ladenlokal zu vermieten, obwohl er von Seiten der Partei gebeten wurde, davon Abstand zu nehmen. – Die Ratsherren waren der Meinung, dass, wenn Kammerer auf die heutigen Belange keine Rücksicht nehme, die Stadt auf ihn bezüglich seiner Steuerrückstände auch keine Rücksicht mehr zu nehmen habe. Es wären deshalb seine Steuerrückstände rücksichtslos beizutreiben.
9.3.1938 Heirat in Karbach mit Erna geb. Berney , geb. 29.5.1910 in Karbach.

Er bemühte sich um Auswanderung und im August 1938 ist vermerkt, dass er 2.700 RM an Deutsche Golddiskontbank, Berlin, zahlt und deshalb "devisenrechtlich keine Bedenken" gegen die Auswanderung bestehen ("Unbedenklichkeitsbescheinigung": "keine Steuerrückstände").

"Mir und meiner Ehefrau gelang es schon im Sommer 1938 in die USA auszuwandern. Hier erfuhren wir von der bevorstehenden Deportation meiner Mutter und meiner Schwestern. Um diese abzuwenden, beschafften wir fuer sie Cubavisen, in der Hoffnung, auf diese Weise unsere Angehoerigen zunaechst nach Cuba und von dort nach USA gelangen zu koennen"

Zwei Geschwister, Paul und Irma , waren ab 1929 jeweils für kürzere Zeit in Villingen, sie konnten beide im Dritten Reich in die Schweiz auswandern (1933 bzw. 1938).

Zaitschek, Paul
geb. 20.4.1892
in Damboritz/Tschech.
ledig
Beruf: Kaufmann
war Vertreter, arbeitete hauptsächlich im Ausland
von 1929 an wiederholt hier, in Villingen, wohnte zuletzt in der Scheffelstr. 1 Auswanderung: 14.3.1933 in die Schweiz

ebenso Irma , geb. 1907 nur ab und zu in Villingen, Februar 1938 in die Schweiz ausgewandert.

Als nächster kam 1931 nach Villingen:

Zaitschek, David
geb. 20.2.1906:
in Hagen/Westf.
ledig
Kaufmann (selbstständig)

Ab 1931 immer wieder für einige Zeit in Villingen, in der Waldstraße, der Friedrichstraße und zuletzt bei seiner Familie: Sebastian-Kneipp-Str. 36

ab 5.9.1934 betreibt er Reisegeschäft der Wäschebranche

Gefängnis in Villingen: 1.9.1937 – 31.12.1937
  • wegen Betrug: dazu David Z. 13.1.1955: er fuhr mit einer gültigen Fahrkarte im Sonderzug nach Düsseldorf, bei der Rückreise wurde er aus dem Zug geholt, "ein Jude hat kein Recht einen Sonderzug zu benützen" – deshalb kam er ins Gefängnis
  • Gnadenersuche des Bruders wurden abgelehnt, weil er Jude ist
Ausgewiesen 8.11.1937, abgemeldet 15.1.1938 nach Tschecheslowakei.
15.1.1938 – 31.3.1939 bei Firma Strata, nach der Besetzung von Böhmen und Mähren ausgewandert.
In Israel zwei Jahre arbeitslos, Sept. 1950 Weiterwanderung nach USA, dort ebenfalls zwei Jahre arbeitslos.
gest. 15.11.1982
Die Eltern von Felix Zaitschek kamen 1934 zu ihm nach Villingen:

Zaitschek, Berthold
geb. 25.9.1860
in Damboritz/Tschechei.
geheiratet hat er 1890 in der Tschecheslowakei
"kam schon als sehr kränklicher Mann nach Villingen. Er wohnte in der Familiengemeinschaft Zaitschek in der Sebastian-Kneipp-Str. 36."
Gest. 6.10.1935 nachmittags neun Uhr, Krankenhaus Villingen

Ehefrau von Berthold: Zaitschek, Lina
geb. Rosner
geb. 13.10. 1868
Hausfrau

nachdem David im Januar 1938 ausgewiesen war und Sohn Felix Z. im Sommer 1938 ausgewandert war, waren in Villingen die Mutter und die zwei Schwestern Emma und Elsa zurückgeblieben.

Mit den Eltern kamen 1934 die Schwestern:

Zaitschek, Elsa
geb. 17.12.1893
in Damboritz/Tschech.
versorgte den Haushalt ihrer Eltern

Zaitschek, Emmy (oder Emma) geb. 10.7.1903
in Hagen/Westf.
ledig

Ausbildung als Hutmodistin, verlor im Dritten Reich ihre Stellung und fand wegen jüdischer Abstammung dann keine Stelle mehr, 1935 – 1938 im Kleidergeschäft ihres Bruders Felix tätig.

Lina, Elsa und Emmy sind Anfang September 1938 nach Brünn in die Tschechei ausgewandert.

Für die Entschädigungsfrage ist der Wiedergutmachungsbehörde wichtig, ob der Weggang von Villingen nach Brünn als Auswanderung anzusehen ist oder nur als Zwischenaufenthalt für die geplante Auswanderung nach Amerika (was bedeuten würde, dass die Reise- und Visumskosten zu entschädigen sind – darüber wurde schließlich ein Vergleich abgeschlossen).

Eine Bankbestätigung und Bestätigung des Reisebüros für die Zahlung des Visums und der Ausreise liegen vor und sie waren im amerikanischen Konsulat in Stuttgart registriert.

Tochter Anny Fleischhacker ergänzt (3.9.1964):
"Die Übersiedlung nach Brünn sei nur deswegen erfolgt, weil sie sich in Villingen nicht mehr sicher gefühlt hätten, zumal ihr Sohn Felix bedroht und geschlagen worden sei. Außerdem sei ihr die Wohnung in Villingen deswegen gekündigt worden, weil sie Jüdin war. Sie habe sich daher mit den beiden Töchtern vorerst nach Brünn begeben, um dort die Einwanderungsgenehmigung nach den USA abzuwarten. Brünn sei als vorübergehender Aufenthaltsort deswegen gewählt worden, weil dort Cousinen gewohnt hätten und dadurch die Kosten für den Lebensunterhalt nicht so hoch gewesen wären."

Man mag sich fragen, warum die Mutter und zwei Töchter in die Tschechei gezogen sind, denn in unserer nachträglichen Sichtweise war das Leben für Juden in den besetzten Ländern noch gefährdeter als in Deutschland; und viele KZs sind eben in den besetzten Ländern entstanden, wie z.B. Theresienstadt in der Tschechei. Aber das ist unsere nachträgliche Sicht.

Deshalb ein kurzer Blick in die Geschichte:

Böhmen und Mähren waren schon zur Zeit vor 1918, als sie Bestandteil der Habsburger Monarchie waren, eines der hochindustrialisierten Gebiete. Nach der Unabhängigkeit nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich eine stabile Demokratie, die gleichzeitig ein Vielvölkerstaat war mit großen nationalen Minderheiten (mehr als 1/3 der Bevölkerung). Nach 1933 war es, neben der Schweiz, die einzig verbliebene Demokratie in Mittel- und Ostdeutschland. Immer wieder kann man in Erinnerungen von politisch Verfolgten im Dritten Reich lesen, dass Prag ein Zufluchtsort war. Auch die sozialdemokratische Exilführung Sopade hatte bald nach der Machtergreifung ihre Zentrale nach Prag verlegt.

Im März 1938 begann wohl die Sudetenkrise, aber davon war Brünn nicht betroffen. Und auch nicht davon, dass im Münchener Abkommen vom 29.9.1938 die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland beschlossen wurde und am 2.10.1938 das Sudetenland in Deutschland eingegliedert wurde. Brünn war in Mähren und nicht im Sudetenland.

Aber Zaitscheks sind schon vor der Eingliederung des Sudetenlands in die Tschechei gezogen; in dieser Zeit galt die Tschechei noch als sicherer freier Staat.

Als im März 1939 auch Böhmen und Mähren annektiert wurden und zum Protektorat gemacht wurden, waren die Hoffnungen auf ein sicheres Fluchtland zunichte und Zaitscheks hatten ebenfalls ihre sichere Zuflucht verloren.

Das Protektorat Böhmen und Mähren hat in der Folgezeit böse gelitten: Reinhard Heydrich, der 1941 mit der Endlösung der Judenfrage beauftragt worden war, war im September 1941 zum stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren ernannt worden; im Juni 1942 wurde er Opfer eines Attentates und mit der Zerstörung von Lidice haben sich die Nazis damals grausam gerächt.

Lina Zaitschek wurde am 27.3.1942 nach Theresienstadt deportiert; sie ist dort mit 74 Jahren am 8.9.1942 gestorben.

Die Entschädigung für Eigentumsverluste der Mutter (Schmuck, Wohnungseinrichtung, Bankkonto) wird abgelehnt (24.3.1961), da "ein Anspruch auf Entschädigung wegen Schäden an Eigentum und an Vermögen nur dann (besteht), wenn der Schaden im Reichsgebiet nach dem Stande vom 31.12.1937 eingetreten ist."

Elsa Zaitschek wurde von Brünn 2.12.1941 nach Theresienstadt deportiert, von dort 9.1.1942 nach Riga – dort umgebracht.

Emmy Zaitschek wurde 1941 in den Osten deportiert, ihren Schmuck, ihre Wertsachen und ihre Aussteuer musste sie in Brünn zurücklassen. Sie wurde für tot erklärt.

In der sog. "Judenkartei", die die "Bewegungen" der Juden für die Sicherheitsdienste aufzeichnete, ist die Abmeldung von Elsa und Emmy verzeichnet. Und geblieben ist von ihnen ihre Nummer bei den Deportationen und die Nummer ihres Transportes nach Theresienstadt und nach Riga.

Es ist bemerkenswert, dass in Villinger Unterlagen von 1963 nicht bekannt ist, dass die Mutter und die Schwestern in den Osten deportiert wurden und dort umgekommen sind; das hätte man in Erfahrung bringen können und bei Auswanderung in die Tschecheslowakei wäre eine Nachfrage auf jeden Fall angebracht gewesen.

Die Familie Zaitschek wurde im Dritten Reich Opfer: Sowohl Felix, Paul, David und Elsa, die fliehen und damit ihre Leben retten konnten; als auch Lina, die Mutter, Elsa und Emma, die umgebracht wurden.

Nachtrag bei Erstellung dieser Broschüre: Inzwischen konnten wir klären, dass beide Schwestern (nun unter dem Namen Elsa und Ema Zaitschková) zunächst mit dem Transport ‚G‘ unter den # 466 und # 467 am 2.12.1941 von Brünn nach Theresienstadt kamen. Dann ebenfalls im selben Transport ‚O‘ unter den # 120 und #121 am 9.01.1942 von Theresienstadt nach Riga deportiert und dort ermordet wurden.

Heinz Lörcher


 
 

Bei Der Verein können Sie sich über den Verein "Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen" informieren.

Unter Termine finden Sie einen "Veranstaltungskalender" zum Thema vor.

Unter Presseberichte sind Links hinterlegt, die zu verschiedenen Pressemitteilungen führen.

Sie haben bei Aktiv werden die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und ein Formular ausfüllen, um eine Emailbenachrichtigung über bevorstehende Veranstaltungen zu erhalten.

Auf der Seite Schicksale sind die Schicksale der vom Nationalsozialismus betroffenen Villinger und Schwenninger hinterlegt.