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Schicksale
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Wilhelm Schifferdecker (01.01.1881-20.12.1946)

Wilhelm Schifferdecker und seine Ehefrau Maria 1946

Nur wenige Schritte von hier entfernt, befindet sich das Gasthaus "Löwen". 1933 war das "Volkshaus Löwen", wie es auch genannt wurde, Treffpunkt der Gewerkschaftler in Villingen und wurde von Wilhelm Schifferdecker und seiner Tochter Ida betreut.

Besonders an das Schicksal von Wilhelm Schifferdecker soll die heutige Mahnwache erinnern.

Wilhelm Schifferdecker wurde 1881 in Schwenningen geboren, erlernte das Feinmechaniker- und Uhrenmacherhandwerk und arbeitete bei verschiedenen Schwenninger Uhrenfabriken, u.a. bei Schlenker und Kienzle. Schon als Jugendlicher engagierte er sich in der Gewerkschaftsbewegung. Nach dem großen Metallarbeiterstreik 1907 wurde Schifferdecker bei Kienzle-Uhren entlassen und kam auf eine "schwarze Liste", was konkret bedeutete, dass es für ihn in der Region keine Arbeit mehr gab.

Nach zweijähriger Arbeitslosigkeit wurde ihm 1909 durch Gewerkschaftskollegen eine Anstellung bei Daimler in Stuttgart Bad-Cannstatt vermittelt. Dorthin zog Wilhelm Schifferdecker mit seiner Frau Maria und seinen vier Kindern. In Stuttgart setzt er seine gewerkschaftliche Tätigkeit fort, wurde 1917 in den Betriebsrat gewählt. Als langjähriges SPD-Mitglied vertrat er ab dem November 1918 seine Partei im neugewählten württembergischen Landtag. Doch schon nach einigen Monaten legte er sein Mandat nieder, da er das Angebot erhielt, als hauptamtlicher Sekretär des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes für den Bereich Südbaden eine Geschäftsstelle in Villingen zu eröffnen. Als Geschäftsführer war Schifferdecker für die Orte Villingen, Donaueschingen, Neustadt und Triberg zuständig. Als Mitglied der Villinger Stadtverordnetenversammlung engagierte er sich auch in der Lokalpolitik. Im Kurgebiet, in der Germanstraße 6, ließ er sich mit seiner Familie nieder.

Der Aufstieg des Nationalsozialismus, die Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung ab Beginn der 30er Jahre zeigte sich auch in Villingen, wo die Nazis immer dreister auftraten. Ida Schifferdecker, die als Büroangestellte eng mit ihrem Vater zusammenarbeitete, berichtete nach dem Krieg, dass sie bei Versammlungen häufig beschimpft worden seien und eines Morgens am Gartentor ihres Hauses ein Totenkopf gehangen habe mit der Aufschrift: "Köpfe werden rollen für den Sieg".

Auch nach der Machtübernahme Hitlers glaubt Wilhelm Schifferdecker noch an das Fortbestehen einer rechtsstaatlichen Ordnung. Er, seine Kollegen und Genossen haben ja nichts Unrechtes getan, meint er. Die Gewerkschaften schienen in ihrer Existenz, anders als die politischen Parteien, nicht direkt bedroht. Dass dies reines Wunschdenken war, sollte Wilhelm Schifferdecker bald am eigenen Leib verspüren.

Am späten Abend des 17.März 1933 wurden er und seine Tochter Ida auf dem Nachhauseweg vom "Löwen" vor seinem Haus im Germanswald von etwa 30 "Strauchrittern und Banditen", so erzählt er später, überfallen. Angeführt wurde die Gruppe von Walter Morstadt, einem der übelsten Villinger Nazis in der Zeit von 1930 bis 1934.

In dieser Nacht beginnt die Leidensgeschichte Wilhelm Schifferdeckers. Er wird brutal zusammengeschlagen, auf einen LKW geworfen, wobei eine Hand schwer verletzt wird, und in das SA-Lokal "Stiftskeller" in der Gerberstraße gefahren. Dort angekommen, wird er erneut geschlagen und getreten, vor ein sogenanntes "Gericht" gezerrt, verhört und als Landesverräter zum Tode durch Erschießen verurteilt. Ein Anruf der Gauleitung aus Karlsruhe verhinderte die Exekution. Als Wilhelm Schifferdecker wieder abtransportiert werden sollte, erscheint die Ordnungspolizei, die, wie er später selbst sagte, "mich den Klauen der Henker entriss". Über zwei Monate lang wurde er im Villinger Gefängnis in sogenannter Schutzhaft gehalten.

In dieser Zeit führte seine Tochter Ida die Geschäfte sowohl des Metallarbeiter- Verbandes als auch die des Volkshauses "Löwen" fort. Aber nun kontrolliert durch sogenannte Kommissare, an deren Spitze der schon erwähnte Morstadt steht. Ihr erklärtes Ziel war es, Wilhelm Schifferdecker eine unkorrekte Geschäfts- und Buchführung nebst persönlicher Bereicherung nachzuweisen, was letzten Endes jedoch nicht gelang. Anfang Mai wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen und die Deutsche Arbeitsfront gegründet.

Für Wilhelm Schifferdecker und seine Tochter Ida beginnt die Zeit der Arbeitslosigkeit, denn kein örtlicher Betrieb war bereit, sie einzustellen. Mit einem Hausierhandel mit Ölen und Fetten ernährte Wilhelm Schifferdecker seine Familie mehr schlecht als recht.

Das missglückte Attentat auf Adolf Hitler im Juli 1944 zog eine Verhaftungswelle nach sich. Am 23. August 1944 sollte auch Wilhelm Schifferdecker verhaftet und ins KZ eingeliefert werden. Das konnte jedoch durch das mutige Einschreiten eines Villinger Amtsarztes verhindert werden, der ihn als "haftunfähig" erklären ließ.

Nach der Befreiung wurde der Antifaschist Wilhelm Schifferdecker als Inspektor bei der Politischen Polizei in Villingen eingesetzt und bemühte sich mit Kollegen die Metaller-Gewerkschaft neu aufzubauen. Aber nicht lange konnte er die wiedergewonnene Freiheit genießen. Im Alter von 65 Jahren stirbt Wilhelm Schifferdecker am 20. Dezember 1946 an der "körperlichen und seelischen Not, die er zu erdulden hatte". So steht es in einem Nachruf seiner Gewerkschaftskollegen.

Und wie erging es Ida Schifferdecker? Nach langer Arbeitslosigkeit wurde ihr 1936 eine Tätigkeit als Saalschreiberin bei der Firma Kienzle zugewiesen. Diese Stelle, mit 45 Pfennig Stundenlohn, musste sie annehmen, denn sonst wäre die wöchentliche Arbeitslosenunterstützung gestrichen worden. Versuche in der Nachkriegszeit eine Arbeitsstelle in ihren gelernten Berufen als Stenotypistin und Bürogehilfin zu finden, scheiterten. Man brauche "junge Kräfte" oder "sie sei schon zu lange aus dem Beruf", wurden ihr als Gründe entgegengehalten. Ein erster Entschädigungsantrag auf Wiedergutmachung wegen des Schadens im beruflichen Fortkommen wurde nach fünfjähriger Bearbeitungszeit 1961 mit der Begründung abgewiesen, die Liquidierung des Metallarbeiter-Verbandes sei zwar aus politischen Gründen geschehen, sie persönlich sei wegen ihrer Gewerkschaftstätigkeit bzw. politischen Einstellung in der Folgezeit keinesfalls benachteiligt gewesen.

Ein erneuter Antrag zehn Jahre später war insofern erfolgreich – die Rechtsprechung hatte sich z. T. geändert, eine neue Richtergeneration wurde z.T. tätig – dass Ida Schifferdecker für entgangenen Verdienst in den 30er Jahren 2.000.– DM zugesprochen wurden.

Es waren wohl auch die Begegnungen in der Nachkriegszeit mit ehemaligen Nazis und Peinigern ihres Vaters in Villingen, die Idas Leben bis ins hohe Alter so schwer machten. Ida Schifferdecker starb am 5. Januar 1995.

Wolfgang Heitner


 
 

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