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Schicksale
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Karl Ruggaber (12.04.1886-01.01.1936)

Karl Ruggaber In dieser Mahnwache werfen wir wieder einen Blick auf den Widerstand der Arbeiterbewegung in Schwenningen. Im letzten Jahr erinnerten wir an Karl Schäfer, einen der Hauptakteure der hiesigen Sozialdemokratie, 1938 im KZ Welzheim getötet, sowie an den Schwenninger Kommunisten Erich Honer, der lange Jahre in Gefängnissen, Konzentrationslager, Moorlager, Strafbataillon und Kriegsgefangenenlager verbringen musste, so dass es geradezu an ein Wunder grenzte, dass er dies alles lebend überstanden hatte. Ekkehard Hausen wird mit dieser Mahnwache das Schicksal von Karl Ruggaber in Erinnerung rufen. Als überzeugter öffentlich bekennender und redegewandter Sozialdemokrat vertritt Karl Ruggaber als Landtagsabgeordneter die hiesige Region von Calw bis Tuttlingen. 1933 verhaftet, folgt "Schutzhaft" und KZ. Gebrochen kehrt er 1935 vom Heuberg zurück und stirbt an den Folgen im Januar 1936. Das erste von zahlreichen Opfern unserer Region aus politischer Überzeugung heraus.

Heute geht es wieder um ein führendes Mitglied der damaligen SPD: nämlich um Karl Ruggaber.

Letztes Aufbäumen gegen die drohende Diktatur

Es ist der 4. März 1933, genau 33 Tage nach der Machtübernahme der Nazis und ein Tag vor der von Hitler angesetzten Reichstagswahl, da kommt es in Schwenningen noch einmal zu einer großen Demonstration gegen die Nazis: zwei- bis dreitausend Menschen marschieren in zwei langen Protestzügen durch die Stadt, einer eher der SPD, der andere mehr der KPD zugeneigt, und beide Züge vereinigen sich auf dem Marktplatz spontan zu einer großen Abschlusskundgebung. Eine der größten Demonstrationen in Schwenningen, ein letztes gemeinsames Aufbäumen der Hitlergegner gegen die drohende Diktatur. Die Hauptrede hält der SPD-Parteisekretär und Landtagsabgeordnete Karl Ruggaber, der in verzweifeltem Optimismus versucht, den Anwesenden Mut zu machen: "Die nächsten, die kommen, werden wir sein!" Doch es kommt völlig anders: Die NSDAP gewinnt am nächsten Tag die Wahl und lässt spätestens ab diesem Zeitpunkt jegliche Rücksichten auf politische Gegner fallen, eine erbarmungslose Verhaftungswelle folgt auf die andere.

Frühes politisches Engagement

Karl Ruggaber, der hier die letzten freien Worte auf dem Schwenninger Marktplatz gesprochen hat, lebt erst seit vier Jahren in Schwenningen. Geboren ist er am 12. April 1886 in dem kleinen Dörfchen Habsthal, das heute zur Gemeinde Ostrach im Kreis Sigmaringen gehört. Dort ist er auch aufgewachsen. Nach der Schule in Habsthal und Mengen absolviert er eine Ausbildung als Schlosser und arbeitet in diesem Beruf in Schussenried und in Ulm. Bereits früh stößt er zur politischen Arbeiterbewegung, als Zwanzigjähriger beginnt er in der Metallarbeiter-Gewerkschaft und in der SPD mitzuarbeiten. Aufgrund seines hervorstechenden Engagements und überzeugenden Auftretens werden ihm bald hohe Parteiämter angetragen. So wird er 1910 mit 23 Jahren hauptamtlicher Sekretär im Stuttgarter SPD Landessekretariat und zwei Jahre später Parteisekretär eines neu gegründeten SPD-Parteibüros in Ulm. Dieses Büro für den Bezirk Württembergisches Oberland reicht von Heidenheim über Ravensburg und Bad Waldsee bis zum Bodensee. Die ländliche, katholisch-konservative Region, das heutige Oberschwaben, ist für Sozialdemokraten ein schwieriges Terrain. Doch mit der ihm eigenen Energie und Tatkraft gelingt es Ruggaber trotzdem, dort viele neue örtIiche Parteigliederungen zu den schon bestehenden aufzubauen und zahlreiche neue Parteizeitungen zu gründen.

Landtagsabgeordneter und Parteisekretär

Der 1. Weltkrieg unterbricht jedoch die politische Tätigkeit. Drei Jahre verbringt Ruggaber bei einer Pioniereinheit und erlebt dort alle Schrecken und Grausamkeiten des Fronteinsatzes. Anschließend wird er in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet. Während der Novemberrevolution 1918 am Ende des Kriegs wird er zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrats Ravensburg-Weingarten gewählt. Versammlungen, Öffentlichkeitsarbeit und Einsatz für die neue demokratische Republik bilden einen Schwerpunkt der Arbeit, aber auch die gerechte Verteilung und notwendige Beschlagnahme von Lebensmitteln, um den Schwarzmarkt zu bekämpfen.

Wie sehr Ruggabers Ansehen und Einfluss unterdessen gewachsen ist, lässt sich daran ablesen, dass er 1919 in die Verfassungsgebende Landesversammlung Württembergs gewählt wird und von 1920 bis 1933 ununterbrochen Abgeordneter des Landtags ist. Doch sein Amt als SPD-Parteisekretär in Ulm behäIt er bei, außerdem wird der überzeugte Demokrat bald Landesführer der württembergischen Sektion des "Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold". Dieses "Reichsbanner" versucht, dem zunehmenden Straßenkampf rechtsradikaler Gruppierungen Paroli zu bieten.

Verteidiger der Republik

Im Jahre 1929 schließlich zieht Karl Ruggaber, inzwischen schon sehr prominent , mit Frau und seinen zwei Kindern nach Schwenningen. Wie bisher in UIm, übernimmt er hier das Amt des SPD-Parteisekretärs und hat nun das Gebiet etwa zwischen Tuttlingen und Calw zu betreuen. Er bleibt Landtagsabgeordneter, jetzt für den Wahlkreis Schwenningen-Tuttlingen, und fährt mit dem Zug zwischen Schwenningen und Stuttgart hin und her. Gleichzeitig steht er weiterhin als Landesführer dem württembergischen Reichsbanner vor und sorgt in Schwenningen für den Aufbau eines eigenen Ortsverbands dieser Schutztruppe für die Demokratie.

Ruggabers Zeit in Schwenningen ist überschattet vom Niedergang der Republik, ausgerechnet hier erlebt er die folgenschweren letzten vier Jahre der ersten deutschen Demokratie. Da er diese jedoch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln mit verteidigt, ist es kein Zufall, dass er bald nach der Machtübernahme auf der Schwarzen Liste der Nazis steht. Einen Tag nach der eingangs erwähnten Reichstagswahl fährt er am 6. März nach Stuttgart, um an der Sitzung des SPD-Landesvorstands teilzunehmen. Hier ist alle Zuversicht und jeglicher Optimismus verschwunden, die Ungewissheit ist groß. Ruggaber telefoniert mit seiner Frau und sagt ihr, dass er in dieser schwierigen Situation vorläufig in Stuttgart bleiben wird. In der Schwenninger Zeitung "Neckarquelle" heißt es, er habe seinen Wohnort "mit unbekanntem Ziel" verlassen, doch hält er sich in demselben Hotel in der Friedrichsstraße auf, in dem er während der Sitzungstage des Landtags immer gewohnt hat. Als er etwa zwei Wochen später, am 19. März, das HoteI verlässt, um zur SPDZentrale zu gehen, verhaftet man ihn auf offener Straße. Sein Vergehen ist, dass er als überzeugter Anhänger und Verfechter der Demokratie entschlossen für deren Erhalt gekämpft hat. Über das Polizeigefängnis Stuttgart wird er ins neu errichtete Konzentrationslager Heuberg verbracht.

Im Konzentrationslager Heuberg

Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am kalten Markt, etwa 70 km von hier entfernt, war in aller Eile ein Konzentrationslager für bis zu zweitausend Gefangene errichtet worden – neben Dachau das größte in Süddeutschland. Hier sollten die "ruhe- und ordnungsgefährdenden Elemente" aus ganz Württemberg, sprich die politisch unerwünschten, ‚umerzogen‘ werden. Lagerkommandant wird Karl Buck, der später im KZ Welzheim für Folter und Tod sorgen wird, aber auch hier auf dem Heuberg bereits Furcht und Schrecken verbreitet.

Zur Empfangsprozedur gehört es z.B., dass die Häftlinge kahl geschoren und gegebenenfalls ihrer Habe beraubt werden. Auch Ruggaber wird so um 300 Reichsmarkt erleichtert, die er mit sich geführt hat. Mangels ausreichender Arbeitsmöglichkeiten werden vor allem prominente Häftlinge durch sinnlose Arbeiten drangsaliert und erniedrigt. So müssen sie Körbe mit Kieselsteinen ausleeren und wieder einsammeln, Gräser ausrupfen oder mit stumpfen Sägen und Beilen Holz zerkleinern. Sadistische SA-Männer machten sich ein Vergnügen daraus, hohe KPD- und SPD-Funktionäre, wie es heißt, "arbeiten lernen" zu lassen. Ruggabers Mithäftling Erich Roßmann berichtet z.B.: "Zu diesem Zweck wurde ein großer Haufen Steine auf dem Kasernenhof aufgeschichtet. Wir mussten die Steine aufschütten und später in die Schotterdecke des Hofes einwalzen. Fritz Ulrich aus Heilbronn, als Reichs- und Landtagsabgeordneter wohl die bekannteste Person sowie der Abgeordnete Karl Ruggaber aus Schwenningen und ich wurden vor eine Straßenwalze gespannt, die wir über den Schotter und Kies hinwegzuziehen hatten."

Wie Hohn mutet es unter diesen Umständen an, dass die Einladung zu einer PIenarsitzung des Württembergischen Landtags folgendermaßen adressiert ist: Herrn Landtagsabgeordneter Ruggaber, Lager Heuberg, Bau 19, Zimmer 10. Er hatte ja nicht die geringste Chance, daran teilzunehmen.

Zu den Strapazen, denen die Häftlinge ausgesetzt sind, kommt noch die quälende Ungewissheit über das Ergehen der Familie. Ruggabers Töchter sind neun und 14 Jahre alt, seine Frau ist ohne Einkommen, seine Ersparnisse sind beschlagnahmt worden.

Entlassung aus dem KZ – vom Tode gezeichnet

Am 24. Oktober 1933 öffnen sich für Ruggaber die Gefängnistore, doch was ist aus dem großgewachsenen, kräftigen und gesunden Mann geworden? Ein hagerer, ausgemergelter Mensch, der bereits vom Tode gezeichnet zu seiner Familie zurückkehrt. Diese war im Juni bereits nach Stuttgart umgezogen, da Ruggaber selbst gemeint hatte, dass er in Schwenningen, wo er bekannt sei ‚wie ein bunter Hund‘, nicht mehr weiter leben könnte. Die Lebensbedingungen sind nun alles andere als rosig. Ruggaber selbst kann nicht mehr arbeiten, er bekommt 12 RM Arbeitslosenunterstützung wöchentlich, für vier Personen zu wenig zum Leben. Mit einer Art Vertretung für Uhren und Bestecke hält Frau Ruggaber, die Verbindung nach Schwenningen ausnutzend, die Familie mühsam über Wasser.

Eine Operation Ende 1935 kann Ruggaber, der nun in der Folge der harten Bedingungen der Haft (seit 1933 ein Nierenleiden) an Nierenkrebs erkrankt ist, nicht mehr retten: Er stirbt im Januar 1936 in Stuttgart.

Begräbnis wird zur politischen Demonstration

Zu einer politischen Demonstration wird seine Beerdigung: An der Beisetzung nehmen mehr als 1500 Gesinnungsgenossen teil. Die Nationalsozialisten sind überrascht und lassen in den folgenden Tagen verkünden, so etwas dürfe nicht wieder vorkommen.

Die starke AnteiInahme an der Beerdigung führt noch einmal vor Augen, wie bekannt und populär Karl Ruggaber in ganz Württemberg gewesen ist. Und es ist, wie schon mehrfach als unwürdig und beschämend bezeichnet, eigenartig, wenn in ganz Schwenningen, in dieser ehemaligen Hochburg der württembergischen Arbeiterbewegung, kein einziger Hinweis auf die Opfer des Arbeiter-Widerstands zu finden ist. Gut 70 Jahre sind seit dieser barbarischen Diktatur vergangen, aber in der gesamten Stadt sieht man keine Gedenktafel, keine Inschrift, kein Hinweisschild zum Andenken an diejenigen, die sich im Namen von Menschlichkeit und Humanität gegen das Unrechtsregime gewehrt haben und dafür mit ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit, zum Teil wie Karl Ruggaber sogar mit ihrem Leben bezahlt haben.

Ekkehard Hausen


 
 

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