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Schicksale
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Irma Schwarz (01.01.1900-?)

Irma Schwarz Sie wurde 1900 in Archshofen bei Mergentheim als Irma Oberndörfer geboren. 1926 hat sie in Stuttgart Hugo Schwarz geheiratet und ist nach der Hochzeit nach Villingen gezogen. Schon Ende des 18. Jahrhunderts konnten sich einige Juden in Archshofen ansiedeln. Ihr Großvater war im 19. Jahrhundert über 20 Jahre Kirchenvorsteher in Archshofen gewesen.

Einige ihrer Vorfahren stammten wie ihr Ehemann aus Rexingen, und der Großvater ihres Ehemanns Hugo war der Bruder von Irmas Urgroßvater.

Irma und Hugo hatten drei Kinder, die sie in den Jahren 1928–1931 geboren hat.

Auch für sie finden sich aus den Jahren vor 1933 nur dürftige Angaben: neben der Anzeige der Geburt der Kinder noch eine Rechnung vom Krankenhaus, dass sie dort 1931 zweimal in Behandlung war.

Und aus dem Dritten Reich der Zusatzeintrag des Vornamens Sara im Meldeverzeichnis. Die Erinnerung an die Situation ihrer Mutter Irma in der "Kristallnacht" war für ihre Kinder 75 Jahre später noch erschreckend präsent: Die Mutter lag krank im Bett, als die NS-Leute ins Haus stürmten, den Betsaal zerstörten und vieles auf die Straße warfen. Einer der NS-Leute hat die Schlafzimmertüre der Mutter geschlossen, sodass sie nicht die Zerstörung live mit ansehen musste.

Es gibt keine Unterlagen, aber man kann sich vorstellen, wie es für eine Mutter ist, ihre Kinder im Dritten Reich aufwachsen zu sehen; die Kinder waren ja 1933 zwischen zwei und fünf Jahre alt. Wie ist es hilflos mitzuerleben, wenn sie in der Schule gehänselt wurden oder ungerecht behandelt?

Die drei Kinder von Irma und Hugo Schwarz konnten in die Schweiz gebracht werden, wo sie das Dritte Reich überlebten. Das war für die Mutter sicher eine Erleichterung. Und sie hat ihren Kindern noch Kleider genäht, denn "eine Mutter will ihre Kinder doch anständig wegschicken".

Am 22.10.1940 wurde Irma Schwarz mit ihrem Mann, ihrer Schwägerin und ihrer Schwiegermutter nach Gurs deportiert. Sie alle behielten die Hoffnung, dem Lager zu entkommen und ihre Kinder wieder zu sehen; zumal nicht nur die Geschwister ihres Mannes in den USA und Argentinien sich um Papiere bemühten. Auch der Bruder von Irma, der von Rexingen eine kollektive Auswanderung nach Schawei Zion in Palästina organisierte, bemühte sich um die Familie seiner Schwester.

Es war vergeblich. Irma wurde von Gurs über Drancy im August 1942 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.

Schon im Dezember 1940, also wenige Wochen nach der Deportation, wurde der gesamte Besitz von Schwarzens versteigert. Aus den Unterlagen lässt sich sehen, dass es ein gut ausgestattetes Haus war: Es waren ja zwei voll ausgestattete Wohnungen mit Betten, Spiegelschrank und Toilettenschrank; im Wohnzimmer waren Wäscheschrank, Sofa, Tisch und Stühle; es gab Kredenz, Flurgarderobe, Buffet, Auszugstisch, zwei Teppiche, vier Läufer, viel Wäsche, Kleidung, Geschirr – die ganze Ausstattung fand interessierte Abnehmer; und es gab ein Klavier. Wer diese Gegenstände ersteigerte, ging sicherlich davon aus, dass die Besitzer nicht wiederkommen werden.

Betrachtet man die Unterlagen aus den Entschädigungsakten, dann kann man nur traurig den Kopf schütteln: Für jeden Monat des Freiheitsentzugs der Mutter wurden die Kinder mit 150 DM entschädigt; zwei Jahre lang ging eine Auseinandersetzung darüber, welche Zeit zugrunde zu legen sei. Zuerst argumentierte die Entschädigungsbehörde damit, dass "nach allem, was von den nationalsozialistischen Vernichtungsmethoden bekannt geworden ist, angenommen werden muss, dass die damals 42-jährige Verfolgte, die Ankunft im Lager nur um wenige Tage überlebt" hat und deshalb für die Berechnung der Ankunftsmonat in Auschwitz gelte. Erst nach ausführlicher Auseinandersetzung darüber, ob das nur "wahrscheinlich" oder "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" anzunehmen sei, wurde der Berechnung neu der Monat des Kriegsendes zugrunde gelegt; dagegen hat das Land geklagt und erreicht, dass einige Monate abgezogen wurden und der Zeitpunkt der Auflösung des Lagers Auschwitz für die Berechnung herangezogen wurde, weil "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" anzunehmen sei, dass Irma Schwarz den Todesmarsch nicht überlebt habe, denn "nach den Entbehrungen ihres jahrelangen KZ-Aufenthalts" könne sie dessen Räumung nicht überlebt haben.

Persönliche Erinnerungen

Es gibt noch zwei ganz andere Hinweise darauf, dass diese Frauen so intensiv gelebt haben und leben wollten, wie wir es bei uns selbst sehen und bei jedem Menschen für richtig halten:

Es sind zum einen die Briefe, die sie aus dem Lager Gurs an die Kinder in der Schweiz geschrieben haben; da werden die Kinder ermahnt, brav und immer ehrlich zu sein, gegen Versuchungen anzukämpfen, zu lernen, den Pflegeeltern zu helfen, sich im Wunschzettel zu mäßigen, sich immer nach der Decke zu strecken, nie so viele Ansprüche vom Leben zu verlangen. Und die Mutter häkelt ihren Kindern warme Handschuhe für den Winter. Sie gratulieren und feiern in Gedanken die Bar Mitzwah ihres Sohnes Heinz mit.

Und es sind zum anderen die schweren Erinnerungen und Fragen, die diese "Kinder" 70 Jahre später noch mit sich herumtragen: "Was fühlt eine Mutter, die ihre drei kleinen Kinder wegschicken, -geben muss? Wie war es möglich bei gutem Verstand zu bleiben?"

Fragen, die auch wir stellen, wenn wir an diese Opfer des Nationalsozialismus denken.

Heinz Lörcher


 
 

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