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Schicksale
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Anna Maria Schlenker (12.01.1892-28.08.1940)

Kurt Schlenker bei der Mahnwache in Schwenningen

Geheimnisvolle Urnengräber auf dem Waldfriedhof:
Spuren der Krankenmorde


Im September 1947 schreibt der Schwenninger Stadtkämmerer i. R. Schairer an die Kriminalpolizei, nachrichtlich an den Oberbürgermeister, einen Brief. Durch eine Notiz in der "Schwarzwälder Post" vom 5.9.1947 war er auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Tübingen zu den Vorkommnissen in Grafeneck 1940 gestossen.

Dort beginnt im Januar 1940 das eigentliche Morden: Hilflose Menschen, behinderte Patienten aus Heilanstalten sind die ersten Opfer. 1941 wird das Programm auf Juden, Sinti und Roma ausgedehnt und kostet bis 1945 unzähligen Menschen das Leben.

Schairer nimmt Bezug auf Vorkommnisse, die in den Kriegsjahren das Friedhofsamt in Schwenningen beschäftigt haben. Aus vermeintlichen KZs wie Grafeneck, Hartheim bei Linz, Sonnenstein, Brandenburg und Hadamar wurden eine Vielzahl von Urnen überstellt, die zu Verstorbenen aus dieser Region gehörten. Nur in wenigen Fällen meldeten sich die Hinterbliebenen selbst, so dass sich das Friedhofsamt genötigt sah, diese Urnen in einigen großen bereitgestellten Urnengräbern beizusetzen, ohne genauere Kenntnis über die näheren Umstände der Todesursache etc. zu haben. In Kriegszeiten wurde KZs betreffend nicht nachgefragt. Zudem beanstandete die gleichzeitig informierte Polizeibehörde das Vorgehen nicht, sondern bestätigte jeweils zum Jahresende durch Siegel und Unterschrift die Übereinstimmung mit den der Polizei vorliegenden Unterlagen. Diese verschwanden nach dem Krieg spurlos. Nicht so das Urnenverzeichnis, aus dem Schairer eine sorgfältige Auflistung aller ihm suspekt erscheinenden Urnenbeisetzungen anfertigt. Sie nennt zunächst keine Namen der Verstorbenen, aber die genaue Begräbnisstätte und den "Herkunftsort".

Später wird sich herausstellen, dass weder der Herkunftsort noch das Todesoder Einäscherungsdatum stimmen. Auch die Urne enthält selten die Asche des Verstorbenen ...

Heute finden wir auf dem Schwenninger Waldfriedhof eine Mauer mit 7 Gedenktafeln, links davon einen Gedenkstein mit folgender Inschrift:

Den unsterblichen Opfern aller Nationen im Kampf gegen
nazistische Barbarei, verfolgt, gemartert, erschlagen -
den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung


Weiter links drei Reihen überdachte Holzkreuze mit Plakette und davor am Boden erneut Gedenkplatten. Inschriften auf diesen: Hier ruhen zehn Russen, zweiundvierzig Polen, siebzehn Deutsche, fünfundvierzig Deutsche, fünf Holländer, drei Bulgaren, zwei Juden, ein Jugoslawe, ein Norweger, ein Unbekannter und ein Tschechoslowake. Eine merkwürdige und geheimnisvolle Aufzählung.

Wir wollen heute im Rahmen dieser Mahnwache zwei der mehr als einhundert Schicksale herausgreifen und ihnen so den aktuellen Stand unserer Bemühungen um Aufklärung und Erinnern näher bringen.

Von Anna Maria Schlenker ist in den privaten Überlieferungen der Familie wenig bekannt. Auf Grundlage einiger Gespräche mit ihrem Neffen Kurt Schlenker sowie aus archivalisch überlieferten Dokumenten, insbesondere ihrer Krankenakte im Bundesarchiv in Berlin lässt sich ihr Leben zumindest in Umrissen rekonstruieren.

Annas Eltern, Jakob und Katharina Schlenker, hatten 6 Kinder: Marie, Christian (der Vater von Kurt Schlenker), Martin, Ursula, Anna Maria, die am 12. Januar 1892 in Schwenningen geboren wurde, sowie die jüngste Schwester Anna. Anna Maria, in der Familie nur Marianne genannt, war also das das fünfte Kind aus dieser Ehe.

Anna Marias Mutter starb nach kurzer Krankheit früh; im selben Jahr wurde Anna in Schwenningen eingeschult. Sie besuchte die Volksschule bis zum Abschluss 1906. Ihr Vater heiratete nicht wieder. Marie, die älteste Schwester, führte den Haushalt. Sie lebten in einem Haus in der Sturmbühlstrasse 52.

Bereits 1920 soll es bei Anna Maria zum schleichenden Beginn einer psychischen Erkrankung gekommen sein.

Wegen "psychischer Auffälligkeit" bringt die Familie auf Anraten des Hausarztes sie im Mai 1921 in die Heilanstalt Rottenmünster; die dortige Diagnose deutet zunächst auf eine Phobie; am Ende des Jahres holt die Familie sie nach Hause zurück. Sie scheint geheilt. Doch schon bald verschlechtert sich der Zustand erneut. So kommt sie im Frühjahr 1922 erneut nach Rottenmünster. Die Diagnose ist beunruhigend: "Dementia praecox paranoida" ("Vorzeitige Demenz" ein Begriff der Psychiatrie, der heute nicht mehr gebraucht wird.) Eine verständliche Umschreibung ist die "Erkrankung einer in der Regel jungen Person, die zuvor vollkommen unauffällig sich zunehmend zurückzieht und in einen demenzartigen Zustand verfällt. Jahre später sprechen die Fachärzte in Rottenmünster von "Hebephrenie".

Joseph Münzer wird am 13.03.1907 in Villingen geboren.

Aus seiner "Krankenakte": Eltern sind gesund, sein Vater Hermann Münzer ist Arbeiter bei der Stadt. Josef hat drei ebenfalls gesunde Geschwister, die älteren Paul (1903), und Anna (1906) sowie die jüngere Schwester Frieda (1915). Zunächst gesund aufgewachsen zeigt er kaum Schulerfolge. Das Auftreten von kleinen epileptischen Anfällen veranlasst die Mutter (der Vater ist im Krieg), in Zusammenarbeit mit der Fürsorge Villingen, ihn im Juni 1918 in die St. Josephsanstalt für Epileptische in Herten bei Lörrach einzuweisen. Dort bestätigt man 1-2 Anfälle im Monat, aber keinen großen Anfall, zudem erste schulische Erfolge. In der Diagnose "Epilepsie" ist man sich unsicher. 1922 wird er gesund entlassen. Er beendet die Schulausbildung und beginnt eine Lehre. Dann wechselt er wiederholt den Arbeitsort, vagabundiert und ist arbeitslos. Den Kontakt zum Elternhaus verliert er über längere Zeit. Der Vater ist nach dem Krieg nicht wiederzuerkennen; er trinkt. Joseph hängt an der Mutter.

Nach einem epileptischen Anfall im Frühsommer 1935 weist ihn die städt. Fürsorge Villingen am 22.6.35 in die Heilanstalt für Epileptiker in Kork bei Kehl ein.

Aus seiner Krankenakte geht hervor, dass er (bisher) keinen großen Anfall erlitten hat. Weitere Einträge:
1936"... 2-3 kleine Anfälle im Monat, gutmütiger Patient, arbeitet gern und fleißig ..."
1937"... unverändert; verrichtet kleine Handarbeiten ..."
1939"... 5-6 Anfälle im Monat; aber nicht gefährlich ..."

In demselben Jahr müssen alle Patienten der Anstalt Kork ans Reichsinnenministerium gemeldet werden, das durch das Innenministerium in Karlsruhe die "Verlegung von Anstaltsinsassen im Rahmen besonderer planwirtschaftlicher Maßnahmen" ankündigt. Zunächst reagiert die Leitung der Anstalt nicht. Dann kommt eine Kommisssion. 3 Ärzte "begutachten" innerhalb eines Tages alle Patienten (!) auf den berüchtigten Meldebögen. Im Rahmen der "planwirtschaftlichen Maßnahmen" wird die Anstalt Kork teilweise geräumt, Joseph mit anderen Patienten nach Stetten im Remstal in die Heil- und Pflegeanstalt der Inneren Mission für Epileptiker verlegt.

Am 4. Januar 1940 entweicht Joseph hier. Die Kriminalpolizei Stuttgart fahndet nach ihm.

Am 9. Januar 1940 dann "Entwarnung": Nach Räumung der Anstalt Kork und Übernahme der Patienten durch Stetten, ist Joseph von dort geflohen, um nach Kork zurückzukehren. Der Heimleiter bringt ihn nach Stetten zurück und kurz darauf ein Eintrag in Stetten:

"... hat sich gut hier eingelebt, arbeitet ..."

Anna Maria, die in Rottenmünster noch wohlbehütet und regelmäßig von ihren Angehörigen besucht wird (Kurt Schlenker erinnert sich an diese Besuche, zu deren Vorbereitung ein Gugelhupf für die Tante gebacken wurde), soll - wie viele andere Patienten - für die geplante NS-"Euthanasie-Aktion T4" erfasst werden. Doch der leitende Anstaltsdirektor Dr. Wrede füllt die angeforderten Meldebögen nicht aus, er ist ein erklärter Gegner der "Euthanasie". Im Stuttgarter Innenministerium kontert man geschickt: Ein Teil der Patienten aus Rottenmünster wird unter dem Vorwand "planwirtschaftlicher Maßnahmen" in staatliche Heilanstalten verlegt; so auch Anna Maria Ende 1939 in die Anstalt Weissenau bei Ravensburg. Der dortige Leiter schickt im Oktober und November 1939 die gewünschten Meldebögen von insgesamt fast 600 Patient/innen an die Planungszentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4; dort entscheiden "T4"-Gutachter nach flüchtiger Akteneinsicht über den "Lebens(un) wert" von zehntausenden psychisch kranker und geistig behinderter Menschen. Auch Anna Maria Schlencker soll sterben. Auffallend die sich nun drastisch ändernde Beschreibung in der Krankenakte:

1.3.40Bewegt sich nicht selbst; störrig, trotzig.
6.6.40Ist an keine Arbeit zu bringen.
26.8.40Laut; schwierig; keiner Arbeit fähig.

Die Weissenauer Anstalt bereitete die "Verlegung" der Patientin für Ende August vor.

Joseph wünscht sich zu seinem Geburtstag im März 1940 eine große Kiste, so groß, dass er Platz in ihr hat. Er setzt sich herein und bittet, ihn in diesem Kiste mit der Post heim nach Villingen zur Mutter zu senden. Ein Foto davon wird mit einem Begleitbrief Anfang Mai an seine Mutter geschickt: "... Josefs Wunsch kann leider noch nicht entsprochen werden; die Ärzte raten von einer Heimkehr ab ..."

Zwischen August und Dezember 1940 werden in sieben Transporten 324 Männer, Frauen und Kinder aus Stetten in die Tötungsanstalt Grafeneck deportiert und im Rahmen des NS-Euthanasieprogrammes ("Aktion T4") umgebracht.

Mit 33 Jahren wird Josef beim dritten Transport am 08.11.1940 mit 59 anderen Opfern dorthin gebracht und noch am selbigen Tag ermordet. Bereits am 28. August 1940 wird Anna Maria Schlenker erneut "im Zuge planwirtschaftlicher Maßnahmen" so die Sprachregelung der "T4"-Täter und der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte, mit 74 weiteren Patientinnen ("Frauen M-Z") in drei Bussen in die Tötungsanstalt Grafeneck "verlegt", wo alle noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und anonym eingeäschert werden. Die Angehörigen in Schwenningen, die 1940 von der Anstalt Rottenmünster vergeblich Auskunft über Anna Marias Aufenthaltsort zu erlangen suchten, bekamen nicht aus Grafeneck sonder durch "Aktentausch" - aus Hartheim bei Linz - erst Wochen später die Todesnachricht (den sog. "Trostbrief") und die standesamtliche Sterbeurkunde zugeschickt; jeweils mit der fingierten Angabe einer natürlichen Todesursache und mit einem gefälschten Todesdatum. Die Todesnachricht ist bei Anna Maria sowohl an die Schwester Marie als auch an den ältesten Bruder Christian ergangen, von dem man noch einige Zeit später Geld für die Fürsorge bis zum fiktiven Todesdatum einfordert. Das zu Tarnzwecken eingerichtete Sonderstandesamt Hartheim bei Linz gibt nachweislich der gefälschten Sterbeurkunde als Todestag den 15.09.1940 an. Der entsprechende Hinweis findet sich im Urnenverzeichnis des Friedhofsamts. Auf dem Städtischen Friedhof Schwenningen kommt es so 1940 zur Urnenbestattung auf ihren Namen zusammen mit 64 weiteren "Euthanasie-Opfern".

Josefs Mutter bekommt erst Wochen später kurz vor Weihnachten einen Brief: "Sehr geehrte Frau Münzer! Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn Josef infolge einer "Lungenentzündung" verstorben ist. Bei seiner unheilbaren Erkrankung bedeutet sein Tod Erlösung für ihn. Auf Anweisung der Ortspolizeibehörde mußte aus seuchenpolizeilichen Erwägungen heraus der Verstorbene sofort eingeäschert werden. Wir bitten um Mitteilung, an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne mit den sterblichen Überresten des Heimgegangenen durch die Ortspolizeibehörde veranlassen sollen." Dazu wird die standesamtliche Sterbeurkunde aus Hartheim bei Linz zugeschickt; jeweils mit der fingierten Angabe einer natürlichen Todesursache und mit einem gefälschten Todesdatum. Das zu Tarnzwecken eingerichtete Sonderstandesamt Hartheim bei Linz gibt nachweislich der gefälschten Sterbeurkunde als Todestag den 24.11.1940 an. Der entsprechende Hinweis des Standesamtes Villingen findet sich im Geburtenregistereintrag. Auf dem Städtischen Friedhof Schwenningen kommt es erst im März 1941 zur Urnenbestattung auf seinen Namen. So kommt die Urne zu 64 weiteren auf den Schwenninger Waldfriedhof.

Heute führt die Gedenkstätte Grafeneck Anna Maria Schlenker und Joseph Münzer im Namens- und Gedenkbuch unter den mehr als 10.000 Menschen, die in Grafeneck 1940 als sogenanntes "lebensunwertes Leben" ermordet wurden.

Der letzte lebende Angehörige der Familie Schlenker, der Anna Maria wiederholt mit seinen Eltern in Rottenmünster besucht hat, ist Kurt Schlenker, hier aus Schwenningen.

(Dieter Brandes und Friedrich Engelke) Zeitzeuge Kurt Schlenker (Neffe von Anna Maria Schlenker): "Als Betroffener danke ich für diese Gedenkstunde. Wir können diese mörderischen Ereignisse nicht ungeschehen machen. Ich schäme mich für die Schuld meiner Generation.

Die Armen, Kranken und Behinderten lebenswert zu unterstützen und ihnen zu helfen ist ein Kulturgut des menschlichen Lebens.

Ich danke allen Organisationen und ihren Helferinnen und Helfern in den Altersheimen, die sich dieser hohen Ethik in ihrem Arbeitsleben verschrieben haben.

Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Michael Zimmermann für seine historischen Forschungsarbeiten. Ohne ihn würden wir weniger wissen."


 
 

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