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Schicksale
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Josef Boss (Familie) (?-?)

In der heutigen Mahnwache möchte ich an das Schicksal der jüdischen Familie Boss erinnern, die hier an der Ecke Rietstr./ Obere Str. ein Wohn- und Geschäftshaus besaßen.

Josef Boss, der Vater der Familie stammt aus Oberschlesien. Er war mir Berta Boss, geborene Heimann verheiratet. Sie war ebenfalls gebürtige Oberschlesierin. Zwischen 1903 und 1906 wurden ihre drei Kinder Adolf, Edith und Erwin in Offenburg geboren.

Am 31. Mai 1910 zog die Familie nach Villingen. Sie wohnte bis 1923 in der Rietstr. 15.

Josef war von Beruf Kaufmann. In der Oberen Str. 1 eröffnete er ein Damen- und Mädchenbekleidungsgeschäft. Es war mit seinen 8-10 Angestellten eines der großen Kaufhäuser der Stadt, das in der damaligen Tageszeitung, dem Villinger Volksblatt, Ende der zwanziger Jahre mit sehr großen Werbeanzeigen oder besonderen Aktionen Aufmerksamkeit erregte. So wurden die Villinger Bürger an einem Samstag und Sonntag von 15-18 Uhr zu einem Frühjahrskonzert aus dem historischen Erker eingeladen. Oben spielte eine Blaskapelle und die Fenster wurden dazu geöffnet - unten hörten die Bürger zu. Es gab auch mindestens einmal einen verkaufsoffenen Sonntag im Kaufhaus Boss, wie im Villinger Volksblatt zu lesen war.

Joseph Boss wurde von Freunden als tüchtiger, fleißiger und bescheidener Geschäftsmann beschrieben.

Der älteste Sohn Adolf wohnte von 1910 bis 1923 bei seinen Eltern in der Rietstr. 15. Er besuchte das hiesige Realgymnasium, ein Zweig des heutigen Romäusgymnasiums. Im Schuljahr 1921/22 legte er als einer von drei Schülern erfolgreich die Reifeprüfung ab. Anschließend studierte er Medizin in Freiburg und wurde Arzt. Zur weiteren Biografie siehe weiter unten.

Die Schwester von Adolf, Edith Boss, wohnte bei ihren Eltern. Sie besuchte 1917 und 1918 die St. Ursula-Schule. Von einer Freundin wurde sie als fröhliche, sehr humorvolle und unternehmungslustige Person beschrieben. Sie gehörte dem Villinger Schwimmclub an und besuchte das Schwimmbad solange es den Juden in Villingen noch erlaubt war. Am 15.11.1935 wurde sie polizeilich nach Karlsruhe abgemeldet.

Dort heiratete sie Wilhelm Seufert, einen Ingenieur bei der Freiburger Motorwagengesellschaft. Bei einer Schwangerschaft ergaben sich gesundheitliche Probleme. Eine Operation führte nicht nur zur Fehlgeburt, sondern auch zur Unfruchtbarkeit von Edith Seufert. Ihre Ehe wurde bald darauf geschieden. Vermutlich zog sie danach nach Stuttgart, da zu diesem Zeitpunkt ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder dort wohnten.

Erwin Boss, der gerade erwähnte jüngere Bruder von Edith, wohnte zunächst bei den Eltern in der Innenstadt. Dann lebte er ab 1923 für zwei Jahre in Freiburg. Vermutlich machte er in dieser Zeit seine Kaufmannsausbildung. 1925 zog er für drei Jahre zurück nach Villingen, ehe er sich in Halle an der Saale niederließ. Vermutlich bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit zog er 1931 wieder nach Villingen. Hier war er sowohl bei seinen Eltern in der Oberen Str.1 als auch als Mieter in der Weiherstr. 49 gemeldet.

Vater Josef Boss, dessen Geschäfte hier auf der Ecke in den 20er Jahren sehr gut liefen, hatte finanziell sehr unter der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre gelitten. Als dann zur Zeit des Nationalsozialismus die Schikanen, Einschränkungen, Boykottaufrufe und Bedrohungen immer größer wurden, ging die Zahl der Kunden stark zurück. So musste er mit seiner Frau Berta im November 1935 das Geschäft aufgeben. Er verkaufte das Haus unter Wert und zog im März 36 nach Stuttgart um. Sohn Erwin folgte ihnen etwa gleichzeitig in den Stuttgarter Westen.

Josef Boss starb 1939 in Stuttgart. Ihm ist die Deportation in den Osten erspart geblieben. Im gleichen Jahr bemühte sich Erwin Boss vergeblich beim Villinger Bürgermeisteramt um eine Auswanderungserlaubnis. Am 1. Dezember 1941 wurden die ersten 1000 Stuttgarter Juden nach Riga im heutigen Lettland deportiert. Erwin Boss gehörte zu ihnen. Seine Deportation kann man heute noch auf einem ursprünglich zu Propagandazwecken hergestellten Film im Internet sehen. Vermutlich war auch seine Schwester Edith unter den Deportierten.

Im Polizeigefängnis von Salaspils bei Riga sahen sich die Geschwister auf jeden Fall wieder. Dort wurden Männer und Frauen in getrennten Lagern inhaftiert. Obwohl es Edith gelang, ihrem Bruder durch den Stacheldrahtzaun Nahrungsmittel zukommen zu lassen, ist er 1942 verhungert. Im April 1942 wurde er offiziell für tot erklärt.

Edith hat durch ihren großen Überlebenswillen und Kampf die Zeit der Inhaftierung überstanden. Nach dem Krieg war sie 1947 als mittellose Person noch einmal kurz in Villingen, um bei den ehemaligen Geschäftskollegen ihres Vaters zu betteln.

Edith hat nach dem Krieg als Edith Seufert einen Prozess gegen Friedrich Winkelmann (der das Haus Obere Str. 1 erworben hat) am Gericht in Konstanz geführt.

Später wird sie erneut geheiratet haben, denn dann ist ihr Name Edith Steinmetz. Laut ihrem Geburtseintrag in Offenburg verstarb sie 1974 in Garmisch- Partenkirchen. Bertha Boss, die Mutter von Edith lebte zuletzt in Stuttgart. Am 22. August 1942 wurde sie zunächst nach Theresienstadt deportiert und kam von dort nach Maly Trostinec, einem KZ bei Minsk in Weißrussland.

Dort starb sie bereits einen Monat später. Die meisten Juden in diesem Lager wurden erschossen oder starben in einem Gaswagen.

Adolf Boss

Offenburg - Villingen - Berlin - London - Moskau - Koschwa

Adolf Boss, 1903 in Offenburg geboren, in Villingen aufgewachsen, studiert in den 1920er Jahren Medizin und wendet sich Anfang der 1930er Jahre der KPD zu. Seine evangelische Frau Josephine Stapenhorst, Tochter eines Engländers und einer Deutschen, lernt er 1927 dort kennen. Nach Hitlers Machtantritt verliert er - als Jude und Kommunist - sofort seine Arbeit am Berliner Virchow-Krankenhaus. Die dreiköpfige Familie, am 28.10.1932 war ihr Sohn Valentin auf die Welt gekommen, verlässt 1933 überstürzt Berlin nach Villingen und reist 1934 in die Schweiz, dann zu Verwandten von Josephine nach London. Die Bemühungen von Adolf Boss, in seinem Beruf als Arzt zu arbeiten, scheitern zunächst vollständig. Erst über ein Jahr später eröffnet sich ihm die Möglichkeit, in der Sowjetunion eine Stellung in seinem geliebten Beruf zu finden.

Die amerikanisch-jüdische Gesellschaft Agrojoint vermittelt in den 1930er Jahren einigen jüdischen Ärzten Arbeit in der Sowjetunion. Sie sollen dort vor allem in den jüdischen Ansiedlungsgebieten tätig sein. Die Familie lässt sich 1934 in Moskau nieder, Adolf arbeitet im Bronner-Institut, dem in der UdSSR damals wichtigsten Institut für Haut- und Geschlechtskrankheiten, sie als außergewöhnlich begabte Modedesignerin im Haus der Mode am Kusnetzki Most. Adolf Boss kann wissenschaftlich arbeiten und an einer Expedition in die mittelasiatische karakalpakische Wüste teilnehmen. Aber bald ändert sich die Lage. Die Gefahr des "Großen Terrors" spürend, versucht Adolf Boss seit Anfang 1937, die UdSSR zu verlassen. Es gelingt ihm nicht. Im März 1938 wird er verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Mutig macht sich Josephine Boss 1939 auf den Weg in die Komi-Republik, um ihren Mann im Lager aufzusuchen. Es wird ihre letzte Begegnung.

Josephine Boss entschließt sich, mit Hilfe der britischen Botschaft aus dem Land zu flüchten. Sie entkommt auf abenteuerlichem Wege über den Umweg nach Murmansk. Auf einem britischen Transportschiff gelangt Josephine Boss mit Valentin nach Schottland. In London erhält sie 1945 über die sowjetische Botschaft die Nachricht, dass ihr Mann 1942 im Sewscheldorlag des NKWD bei dem Ort Koschwa verstorben sei. Das Todesjahr ist korrekt, aber die Todesursache nicht: Adolf Boss war erschossen worden. Er soll gesagt haben, dass die Eisenbahnlinie nach Workuta auf den Knochen von Menschen gebaut ist. Wahrscheinlich hat er es nicht gesagt, aber falsch wäre es nicht gewesen.

(Heinrich Schidelko)


 
 

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