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Schicksale
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Johann Heizmann (22.10.1902-08.06.1940)

(Moderator): Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Auschwitz zum Symbol des Genozids im 20. Jahrhundert geworden. Aber Auschwitz war nur das letzte und "perfekteste" Nazi-Mordzentrum.

Das mörderische Programm beginnt mit dem 1933 erlassenen sogen. Sterilisationsgesetz, dem 1935 das Gesetz "zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes" folgt.

Versuchen wir uns an einer Rekonstruktion des Lebens zweier Opfer, Erna und Johann. Lassen wir zu, uns mit Behinderten zu identifizieren, Personen, die an den Rand der Gesellschaft gerieten, weil Verwandte, Ärzte, Pfleger die Nähe zu ihnen als peinlich, als abstoßend empfanden.

Johann: Ich, Johann Heizmann, werde am 22. Oktober 1902 in Zimmern (Krs. Donaueschingen) geboren, wachse dort auf, besuche mit Erfolg die Schule. 1914 beginnt der "Große Krieg". Mein Vater, ein Kleinlandwirt, kämpft im Krieg. Meine Mutter muss uns sechs Kinder allein großziehen.

Nachdem der Krieg verloren ist, herrscht im Land Revolution. Vater kommt kaputt zurück, ist kaum in der Lage, die Landwirtschaft wieder zu führen, uns zu ernähren, er trinkt. Ich will Automechaniker werden, aber wer zahlt die Lehre? Ich muss auf dem elterlichen Hof aushelfen und die ungeliebte Landwirtschaft erlernen.

Moderator: Wenden wir uns Erna zu.

(Erna): Ich, Erna Haber, bin im August 1915 hier geboren. Mein Vater, ein Gastwirt, ist im Krieg. Meine Mutter führt die Wirtschaft allein und muss mich und meine beiden älteren Brüder allein großziehen.

Nach dem verlorenen Krieg ist Vater nicht in der Lage, die Gastwirtschaft wieder zu führen, er ist selbst sein bester Kunde. Als ich fünf bin, werde ich schreckhaft, zittere häufig. In den Jahren davor habe ich mich gut entwickelt. Was ist der Grund? Vielleicht Vaters früher Tod? Er stirbt bereits 1921 an Leberzirrhose, nur 35 Jahre alt. Ich werde nervöser. Bei meinen Arztbesuchen in den folgenden Jahren erzähle ich noch davon, dass Vater alkoholkrank war, später verdränge ich es, verschweige, dann vergesse ich es.

Auch Mamas zweiter Mann trinkt. Der Arzt notiert, ich sei "ein übernervöses, verstocktes Kind, das den Stiefvater fürchtet". Ich hänge an meiner Mutter. Doch auch sie wendet sich von mir ab.

Moderator: Erna kommt auf die "Hilfsschule". Dort gelten die meisten Kinder als "schwachsinnig", "minderwertig", als "Ballast" für die Gesellschaft, ihr "Nutzen" für die "Volksgemeinschaft" wird angezweifelt. Und Johann?

Johann: Ich beschließe, zusammen mit meinem Bruder Albert und einem Freund aus der Nachbarschaft, die Heimat zu verlassen: Wir wandern aus nach Kanada: Am 3.5.1927 verlässt unser Schiff "Derfflinger" Bremen. Über Halifax gehts zum Zielhafen New York und weiter nach Winnipeg, Manitoba. Dort suchen wir unser Glück. Der Anfang ist mehr als schwer. Doch als wir gerade Fuß fassen, werden wir bestohlen: Alles mühsam ersparte und zurückgelegte Geld, unser Hab und Gut ist weg. In Kanada ist die Arbeitslosigkeit hoch, die Weltwirtschaftskrise auf dem Höhepunkt. Wir sind Ausländer, können keine Sicherheiten mehr vorweisen und werden ausgewiesen - zurückgeschickt.

Moderator: Johann kommt zurück, die Freundin hat einen anderen Mann gefunden, die Welt um ihn versinkt ins Dunkle - Angstträume befallen ihn, schreiend wacht er auf.

Johann: Ärzte untersuchen mich. Ihre Diagnose: "Schwere Depressionen; beginnende Schizophrenie". Sie bestehen darauf, mich in eine "Heil und Pflegeanstalt" zu überweisen. So komme ich nach Emmendingen.

Moderator: Die Nazis, ab 1933 an der Macht, greifen Ideen der "Rassenhygiene" auf, die schon lange kursierten. In der Schule lernen Kinder Rechenaufgaben: "Wie viele erbgesunde Familien könnten versorgt werden durch den jährlichen Aufwand des Staates für 170.000 Geisteskranke, 8.000 Taube und Blinde, 20.000 Krüppel? Wie viel Millionen RM kosten diese Gebrechlichen jährlich?"

Bereits am 14. Juli 1933 wird das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Bis 1945 werden fast 400.000 Menschen zwangssterilisiert.

Johann: Das trifft mich.

Erna: Mich auch. 1933 untersuchen mich fremde Ärzte. Ihre Diagnose lautet: "Vater Potator! Beginnender Schwachsinn". Ich werde "unfruchtbar" gemacht, Mama stimmt zu. Ich muss dafür ins Krankenhaus Donaueschingen. Ein Arzt dort vermerkt "stumpfes" ja "blödes" Aussehen. Danach drängt ein weiterer Arzt darauf, mich von dort aus in eine Anstalt zu überweisen. Auch das ist meiner Mutter recht. Ich mag keinen engen Kontakt mit Menschen mehr; dennoch muss ich mit vielen anderen den Schlafsaal teilen. Ich habe nicht einmal einen Nachtschrank für meine persönliche Dinge. In meiner Akte steht, dass ich nach Hause will. Und: Ich sei "albern", "läppisch", "lästig".

Johann: Ich gewinne Lebensmut zurück; man ist zufrieden mit mir. Ich arbeite in der Anstalt im Garten. 1939 kommen Meldebögen aus Berlin. Die Ärzte sind ratlos. Sie wollen ihre besten Patienten als Arbeitskräfte behalten. So verschweigen sie unsere guten Seiten und stellen uns erbärmlicher da als wir sind. Sie ahnen nicht, dass es das Todesurteil bedeutet. Ich ahne es noch weniger. Aus "planwirtschaftlichen Gründen" werde ich nach Rastatt, dann nach Zwiefalten verlegt.

Erna: Zwiefalten, da komme ich auch hin!

Moderator: Am 8. Juni 1940 frühmorgens begegnen sich Johann und Erna vermutlich zum ersten, sicher zum letzten Mal. Zusammen mit 30 Frauen und 40 Männern in drei Busse eingepfercht, fahren sie eine Stunde, dann sind sie in Grafeneck, einem abgelegenen Jagdschloss bei Münsingen. Eine Gaskammer in einem Schuppen. 20 Minuten lang strömt Kohlenmonoxyd, ein tödliches Gas. Durch ein Fenster schauen Ärzte zu, wie die Menschen sterben. Ihre Leichen werden sofort verbrannt.

Erna: Meine Mutter bekommt einen Brief: "Sehr geehrte Frau! Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Tochter Erna unerwartet infolge einer Bauchfellentzündung verstorben ist. Bei ihrer unheilbaren Erkrankung bedeutet ihr Tod Erlösung für sie."

Johann: Meine Eltern erhalten einen gleichlautenden Brief; "akute Hirnschwellung" ist meine angebliche Todesursache. Auch hier die Rede von "Erlösung".

Moderator: Bis vor einem Jahr sprachen die Familien nicht mehr über Erna oder Johann; die Angehörigen damals fühlten sich mitschuldig, sie schämten sich. Ihren Nachfahren erzählten sie nichts. Unsere Mahnwachen ermutigten diese, uns um Hilfe zu bitten. Wir recherchierten zwei Schicksale, wir fanden hundert.

Friedrich Engelke (Moderator), Wolfgang Heitner (Johann), Katja Scheele (Erna)


 
 

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