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Schicksale
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Ewald Huth (11.01.1890-01.11.1944)

Bei den Mahnwachen stellen wir das Schicksal einzelner Personen oder Familien vor, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden. Danke, dass Sie durch ihr Dasein den Opfern von damals ein wertvolles und mahnendes Erinnern im Heute geben. Mit der heutigen Mahnwache wollen wir Ewald Huth im Gedächtnis unserer Stadt wachhalten. Ewald Huth hat aus religiöser Überzeugung Widerstand geleistet und ist hierfür genau am heutigen Tag vor 71 Jahren hingerichtet worden.

Als Organist am Münster hat Ewald Huth mehrere Chöre in Villingen und Umgebung geleitet, daher freut es uns besonders, dass einige Sänger der Capella Nova unter der Leitung des Münsterkantors Roman Laub die Mahnwache musikalisch umrahmen.

Ewald Huth wurde am 11. Januar 1890 in Hersfeld, Hessen, geboren. Nach der Volksschulzeit wollte er zunächst Lehrer werden, brach sein Studium dann jedoch zugunsten der Musik ab und wurde in Beuron und Regensburg zum Kirchenmusiker ausgebildet. Im Ersten Weltkrieg war er wegen eines Sehfehlers ausgemustert worden, meldete sich dann aber freiwillig als Sanitäter beim Roten Kreuz und arbeitete in verschiedenen Lazaretten. Ende 1920 bewarb er sich erfolgreich auf die vakante Stelle des Organisten und Chordirektors am Villinger Münster, die er am 1. Januar 1921 antrat.

1923 heiratete er die Villingerin Maria Gromann. Gemeinsam bekamen sie drei Töchter, von denen jedoch eins im Kindesalter starb.

In seiner 23jährigen Tätigkeit am Villinger Münster wurden viele große Musikwerke aufgeführt, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. Ewald Huth leitete auch weltliche Chöre wie den Männerchor Villingen, den Werkschor der Aluminiumgießerei sowie Chöre in Trossingen, Sankt Georgen und Schramberg.

Was für ein Mensch war Ewald Huth? Von seinem Charakter war er ein bescheidener Mann, der um seine Person nie großes Aufsehen machte und ungern im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand. Gleichzeitig war er jemand, der seine Meinung klar aussprach. Schon nach der Machtübernahme Hitlers 1933 erkannte er, dass vom Nationalsozialismus eine große Gefahr ausging. Immer wieder warnte er vor der Tyrannei der Nazis. Ständig wurde er und seine Familie bespitzelt und überwacht. Nach der Denunziation von einem Nachbarn und einem Fahnenjunker-Feldwebel wurde er am 19. Januar 1944 verhaftet und kam zunächst ins Villinger Gefängnis. Da er vier Monate vorher zur Gendarmarie eingezogen worden war, unterstand er der Gerichtsbarkeit der SS. So wurde er nach Stuttgart überführt, wo am 17. März die Anklageverfügung und der eigentliche Haftbefehl erfolgten. Der Prozess vor dem SS- und Polizeigericht in Stuttgart unter dem Vorsitz eines SS Obersturmbannführers endete wie in solchen Fällen üblich: Der Angeklagte wurde wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt. In der Urteilsbegründung stand unter anderem, dass er über Jahre hinweg in der Öffentlichkeit den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung gelähmt und zersetzt habe. Außerdem, so der Vorwurf, sei er in geradezu verbrecherischer Weise kirchenhörig.

Ein Gnadengesuch wurde vom Reichsführer der SS abgelehnt. Ewald Huth musste noch ein knappes halbes Jahr warten, ehe sein Todesurteil vollstreckt wurde. In dieser Zeit wurde er für die Mithäftlinge, mit denen er seine Zelle teilte, aufgrund seiner religiösen Überzeugung, zum Vorbild. Sie nannten ihn wegen seiner Fürsorge "Papa Huth". Ein Mithäftling schrieb später in einem Brief an die Ehefrau Maria Huth über die gemeinsame Zeit folgendes:
"Papa Huth wird mir und allen, die jene schreckliche Zeit überlebt haben, unvergesslich sein. Wir hatten alle wirklich etwas auf dem Kerbholz, so dass man über jeden von uns sagen musste, irgendwie hast du das verdient. Papa Huth hatte jedoch nichts angestellt, nur seine Meinung gesagt. Als wir ihn beten sahen, da haben wir zuerst spöttisch gelächelt. Mehr und mehr ging uns jedoch auf, dass für ihn Gott wie eine Wirklichkeit war. Uns hat er dabei nie übersehen, hat uns stets Mut gemacht und zugeredet. Das letzte Stück Brot hat er weggegeben, wenn einer von uns Jüngeren Hunger hatte. Er war uns wie eine Sonne an jenen dunklen Tagen. Nie habe ich einen solch überzeugten Christen kennen gelernt wie ihn."
Einen Tag vor seiner Hinrichtung schreibt Ewald Huth an seine Familie folgende letzte Bitte:
"Betet für unsere Feinde und tragt nicht Groll im Herzen. Der liebe Gott mag ihnen allen gnädig sein, so wie er mir selbst gnädig sein mag, das ist mein Wunsch und Gebet für sie schon immer gewesen und auch heute im Angesicht des Todes, den sie mir geben."
Am 1. November 1944, dem Allerheiligentag, wurde er morgens um 7:10 Uhr in Stuttgart-Dornhalde erschossen. Erst zwei Tage später erfuhr die Familie durch ein Telegramm von der Vollstreckung des Urteils.

Ich bin kein Historiker und bin zu jung, um Ewald Huth gekannt zu haben. Aber das wenige, was ich von ihm erfahren habe, erzählt von einem Menschen, der kein radikaler, unbeugsamer Widerstandskämpfer war, sondern ein schlichter, wahrhaftiger und besonnener Mensch, der seine Meinung sagte und tiefes Vertrauen aus dem christlichen Glauben schöpfte. Vielleicht hat sich Ewald Huth vor allem von einer Sache nicht beugen lassen: der Angst. Denn die mächtigste Waffe der NS-Diktatur war die Angst, mit der Menschen eingeschüchtert, mundtot und zu Mitläufern gemacht wurden. Ewald Huth besaß die Kraft, sich aus dem Netz der Ängste dieser Zeit zu befreien. Er hat sich nicht von angsteinflößenden Gedanken einschüchtern lassen: Was wäre wenn sie mich anzeigen, was wäre wenn sie mich bedrohen, wer ist alles gegen mich, was sagen da bloß die anderen, ... Nein, Ewald Huth machte den Mund auf, warnte vor den Gefahren der Nazis und kritisierte freimütig das NS-Regime.

Ich glaube, dass wir dieses Vertrauen als Widerstand gegen die Angst heute wieder mehr denn je brauchen. Ewald Huth ermutigt uns heute, dass wir uns nicht von Angstmacherei einschüchtern lassen sollen. Fremdenangst, Islamangst, Angst vor Füchtlingsströmen, Angst hier und da ... Machen wir uns im Gedenken an Ewald Huth frei von dieser Ängsteschürerei, werden wir nicht zum Spielball der Angstmacher, sondern:

Stärken wir unser Vertrauen in das Gute, in die Mitmenschlichkeit, die unsere Tatkraft braucht. Gehen wir vertrauensvoll und angstbefreit auf Menschen zu, so wie Ewald Huth z. B. auf seine Zellengenossen fürsorglich und mit Herz zugegangen ist.

(Tobias Aldinger)


 
 

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